Auf dieser Seite erfährst du, warum Bullenhaie in Süßwasser und Salzwasser leben, wieso sie so gefährlich für Menschen sind und weshalb sie besonders widerstandsfähige Tiere sind.
Gefährlich und gefährdet? Bullenhaie sind eine besondere Art von Haien, da sie ein außergewöhnliches Anpassungsvermögen haben. Doch ihr Leben in Seen und Flüssen kann für sie Segen und Fluch sein, denn Klimawandel und Umweltveränderungen testen ihre Widerstandsfähigkeit immer häufiger.
Steckbrief Bullenhai (Carcharhinus leucas)
- Gattung
- Carcharhinus oder Requiemhaie
- Klasse
- Knorpelfische
- Ordnung
- Grundhaie
- Verbreitung
- In tropischen und subtropischen Gewässern in Afrika, Asien, Australien und Süd- und Nordamerika
- Größe
- bis zu 4 Metern, durchschnittlich 1,80 Meter bis 2,30 Meter (Weibchen), 1,57 Meter bis 2,26 Meter (Männchen)
- Gewicht
- bis zu 315 Kilogramm
- Lebenserwartung
- in freier Natur bis zu 24 Jahren
- Nahrung
- Fleischfresser, frisst alles was er zwischen die kräftigen Kiefer bekommt: Fische, Meeresschildkröten, Vögel, Seeschlangen, Krebse, Seeigel, Tintenfische und sogar Landsäugetiere, Define oder andere Haie
- Gefährdungsgrad nach IUCN
- gefährdet
- Besonderes
- Der Bullenhai kann in Süßwasser und Salzwasser überleben.
Ein vielfältiges Tier mit vielfältigen Lebensräumen
Der Bullenhai ist auf vielen verschiedenen Kontinenten zuhause und lebt dabei nicht ausschließlich im Meer. Auch Flüsse nennt er sein Zuhause und schwimmt im Amazonas sogar bis zu 4.000 Kilometer landeinwärts. Er lebt ebenfalls in Seen, wie dem Nicaragua-See oder dem Sentani-See in Indonesien. Das heißt, er ist eine der wenigen Haiarten, die sowohl in Süßwasser als auch in Salzwasser überleben können.
Bullenhaie werden lebend geboren
Seinen Nachwuchs bekommt der Hai oft in Flussmündungen, wo Süßwasser auf Salzwasser trifft. Der Bullenhai ist kein Eierleger wie viele andere Fische: nach ungefähr 10 bis 11 Monaten im Körper der Mutter werden die Jungtiere lebend geboren. Ein Wurf besteht durchschnittlich aus 6 bis 8 Tieren. In freier Natur werden sie in der Regel bis zu 24 Jahre alt. Dabei sind die weiblichen Bullenhaie nach ungefähr 18 Jahren voll ausgewachsen, die männlichen Bullenhaie mit circa 14 Jahren.
Süßwasser als Kinderstube
Dass die Bullenhaie Flussmündungen als Kinderstube nutzen können, erhöht die Überlebenschancen der Bullenhai-Welpen. Im Brackwasser sind sie geschützt von größeren Raubtieren, die nur im Salzwasser überleben können. Das bedeutet auch, dass der Wettbewerb um Nahrung geringer ist. So ist die Sterberate der Bullenhai-Jungtiere weniger als halb so hoch wie die von vergleichbaren Salzwasser-Haiarten. Sind sie ausgewachsen, dann zeigt sich ein Größenunterschied zwischen Männchen und Weibchen. Das nennt man Geschlechtsdimorphismus.
Freundschaften fürs (Über-)Leben
Selbst im weiten Meer lassen sich Freundschaften schließen – und die Bullenhaie machen es vor! Denn über sechs Jahre Beobachtung fand ein Forschungsteam auf Fiji Anzeichen dafür, dass der Bullenhai bewusst wählt, mit welchen Artgenossen er interagiert, und wem er lieber aus dem Weg schwimmt. Dabei helfen sie sich auch gegenseitig, wie gute Freunde es nun mal tun: Bullenhaie, die neu zu der Population dazustoßen, lernen von ihren geübten Freunden, wie man an Köder herankommt und sich an Taucher*innen annähert.
Wer ist der beliebteste Bullenhai?
Faktoren wie Alter und Geschlecht spielen bei der Wahl von Freundschaften wohl auch eine Rolle. So sind die Weibchen in der beobachteten Population am beliebtesten unter ihren Geschlechtsgenossinnen sowie bei den Männchen. Erwachsene Tiere bleiben größtenteils unter sich, anstatt mit Jungtieren und Senior*innen zu schwimmen. Für die Jungtiere sind die älteren Haie nämlich noch zu dominant und gefährlich, weswegen sie sich in der Regel nur am Rande der Population aufhalten. Die ältesten Bullenhaie sind Einzelgänger, denn sie haben in ihrem hohen Alter schon genug gelernt, um alleine zurechtzukommen.
Osmose und der Bullenhai
Viele Wasserlebewesen können entweder nur in Salzwasser oder nur in Süßwasser überleben. Der Grund: Sie sind nur an einen Salzgehalt angepasst. Ändert sich dieser, ist das für sie tödlich. Man nennt solche Arten stenohalin. Der Bullenhai zählt zu den euryhalinen Tieren. Das heißt, er kann sich an unterschiedliche Salzgehalte anpassen und somit die sowohl in Süß- als auch in Salzwasser leben. Der Grund dafür lässt sich bei dem biologischen Prozess der Osmose finden, die ihm die Anpassung an die unterschiedlichen Salzkonzentrationen ermöglicht.
stenohalin: Das kommt von „steno“, was „in einem engen Bereich“ bedeutet, und „halin“, was „salzig“ entspricht.
euryhalinen: „eury“ bedeutet: „in einem weiten Bereich“
Osmose ist die Bezeichnung für den Wassertransport durch eine Zellmembran, wobei sich das Wasser von dem Bereich mit geringerer Konzentration von gelösten Stoffen wie etwa Salz zu dem Bereich mit der höheren Konzentration von gelösten Stoffen bewegt. Deswegen verlieren viele Salzwasserfische Wasser an ihre salzigere Umgebung, das Meer, während Süßwasserfische durch ihren höheren intrazellulären Salzgehalt ständig Wasser aufnehmen.
Verschiedene Methoden ermöglichen Lebewesen mit den Einflüssen von Osmose, beispielsweise dem Verlust oder Überschuss von Salz, umzugehen. Hierbei unterscheidet man zwischen den Osmokonformern und den Osmoregulierern. Osmokonformer haben in ihrem Körper den gleichen Salzgehalt wie das Wasser, in dem sie leben. Dementsprechend ist keine aktive Regulation nötig. Osmoregulierer haben in ihrem Körper einen anderen Salzgehalt als ihr Umfeld und müssen das Gleichgewicht durch aktive Prozesse beibehalten.
Salzwasserfische und Süßwasserfische osmoregulieren auf verschiedene Weisen, da sie verschiedenen Herausforderungen ausgesetzt sind: Salzwasserfische dem Risiko der Dehydration und exzessiver Salzzunahme; Süßwasserfische der Aufgabe, Stoffe im Körper zu konservieren und überschüssiges Wasser auszuscheiden.
Das Meereswasser hat im Vergleich zum inneren des Salzwasserfisches einen höheren Anteil an Salz, weswegen der Fisch viel Wasser an seine Außenwelt abgibt. Um nicht zu dehydrieren, trinkt der Fisch umso mehr Wasser, was jedoch auch dazu führt, dass überschüssiges Salz aufgenommen wird. Um dies wieder auszugleichen, werden Mechanismen in den Kiemen des Fisches genutzt, die der Salzausscheidung dienen. Da Süßwasserfische in Gewässern mit weniger Salzgehalt leben, nehmen sie viel Wasser auf, behalten aber viele der im Wasser vorhandenen Stoffe. Dafür geben sie einen wässrigen Urin ab, bei dem wenige der gelösten Stoffe verloren gehen.
Eine besondere Methode der Osmoregulation lässt sich bei den marinen Haien finden. Um das Ungleichgewicht an Stoffen auszugleichen, speichern sie einen höheren Gehalt an Harnstoffen in ihrem Blut und ihren Zellen. Zusätzlich hilft eine besondere Rektaldrüse bei dem Abwerfen von überschüssigem Salz. Größere Schwankungen im Stoffgehalt der Umwelt können in der Regel aber nicht ausgehalten werden, was bedeutet, dass die Haie ihr Salzwasser- oder Süßwasserumfeld nicht verlassen können.
Der Bullenhai ist eine Ausnahme, denn sie regulieren noch einmal anders als marine Haie. Das ermöglicht ihnen, sich an unterschiedliche Salzkonzentrationen anzupassen. Dadurch kann er im Meer oder in Süßwasser leben. Obwohl es noch viele offene Fragen über seinen Regulationsprozess gibt, haben Forschende herausgefunden, dass er durch einen hohen Harngehalt in seinem Blut osmoreguliert, wenn er im Salzwasser ist, ähnlich wie es auch andere Haie tun. Im Süßwasser kompensiert er durch eine erhöhte Ausscheidung von wässrigem Urin, wobei wenig Salz verloren geht, die hohe Zunahme von Wasser wie ein Süßwasserfisch.
Bullenhai auf dem Golfplatz
Ihre Reise durch die Flüsse dieser Welt brachte die Bullenhaie auch schon an unerwartete Orte. Nachdem der Albert-Fluss und der Logan-Fluss in Australien wiederholte Male in den Jahren von 1991 bis 1996 überfluteten, fand man sechs Bullenhaie in dem See eines Golfplatzes. Durch die Überflutungen wurden sie in den See gespült und schwammen nicht in ihre Flüsse zurück, bevor sich das Wasser wieder zurückzog.
Ein überraschendes Maskottchen
Anstatt Furcht lösten die neuen Anwohner Freude aus. Der Bullenhai wurde zum Markenzeichen des Golfplatzes. Da von den sechs Tieren keine direkte Gefahr ausging, wurden lediglich Schilder um den See platziert, die auf ein Schwimmverbot hinwiesen und vor den Haien warnten.
Die Golfplatz-Bullenhaie brechen einen Rekord
Die Haie konnten für siebzehn Jahre in einem Gewässer mit einem so niedrigen Salzgehalt überleben, ein neuer Rekord für Bullenhaie!
Leider wurden seit über einem Jahrzehnt die Bullenhaie nicht mehr im See gesichtet. Es ist möglich, dass sie mit den Lebensumständen im See nicht vollständig klarkamen – Hungertode oder Erkrankungen durch den geringen Salzgehalt im Wasser sind nicht auszuschließen. Ebenso kam es immer wieder zu illegalen Versuchen, die Bullenhaie einzufangen.
Wie gefährlich ist der Bullenhai
So harmlos wie im Beispiel des Golfplatzes sind die Bullenhaie jedoch nicht immer, denn ihr hohe Aufkommen in menschennahen Flüssen, Küstengebieten und Seen macht sie durchaus gefährlich. Zudem haben Bullenhaie eine Beißkraft von bis zu 5.914 Newton, etwa 6-mal so stark wie wir Menschen, was sie zu einer der Haiarten mit der stärksten Beißkraft macht. Die International Shark Attack Files (kurz: ISAF) stufen den Bullenhai zusammen mit dem Weißen Hai und dem Tigerhai als gefährlichste Haispezies für Menschen ein. Von einer Gesamtanzahl von 949 bestätigten Haiangriffen durch 35 verschiedene Haiarten geschahen gleich 119 durch den Bullenhai. Besonders tödlich macht sie ihr Gebiss. Ihre oberen Zähne habe Zacken wie eine Säge, durch die Opfer von Haiangriffen gravierend verletzt werden können.
Tödliche Gefahr auf La Réunion
Bullenhaie sind Teil der sogenannten Requiemhaie. Diese Familie hat ihren Namen von der Todesmesse Requiem, die in Gedenken an Verstorbene stattfindet. Dass sie diesen Namen nicht willkürlich erhalten haben, lässt sich auch am Beispiel der Angriffe von Réunion – einer Insel im Indischen Ozean östlich von Madagaskar – deutlich sehen. Von 2011 bis 2019 wurden Bewohner*innen und Besucher*innen der Insel gleich 30-mal Opfer von Bullenhai-Angriffen. Elf von ihnen endeten tödlich, was schon 18,5 Prozent der Haiangriffe in dieser Zeit ausmacht.
Ursache: Bewässerungssysteme
Die Gefahr betraf neben der Bevölkerung auch die Tourismus-Branche, weswegen nach einem Grund und einer Lösung gesucht wurde. Eine mögliche Erklärung für das hohe Aufkommen der Bullenhaie lässt sich in dem lokalen Bewässerungssystem der Landwirtschaft finden. Dieses wurde am Anfang der 2000-er gebaut und fließt von der Ostküste über die Insel zur Westküste. Das ablaufende Wasser hat einen geringeren Salzgehalt als das Meereswasser – ähnlich wie auch das Wasser einer Flussmündung – und könnte die Bullenhaie deswegen anziehen.
Erfolgreicher Schutz von Mensch und Tier
Netze wurden vor der Küste aufgespannt, um die Haie fernzuhalten, und Taucher*innen sowie Boote patrouillieren im Meer. Zudem ermöglichen die Fortschritte in der Entwicklung von künstlicher Intelligenz den Einsatz von KI-Kameras, die darauf programmiert sind, Haie zu erkennen. Seit 2019 gab es auf Réunion keinen Haiangriff mehr, weshalb die Strände nun mit Vorsichtsmaßnahmen wieder öffnen konnten.
Umweltzerstörung setzt dem Hai zu
Das Vorkommen in Küstengebieten, Flüssen und Seen bedeutet aber nicht nur eine Gefahr für Menschen, denn die Bullenhaie sind somit auch besonders betroffen von menschengemachten Umweltveränderungen. Verschmutztes Flusswasser fließt in die Brackwasserzonen, in denen die Bullenhaie ihre Kinder gebären. Eingriffe in Ökosysteme von Flüssen und Seen durch den Menschen betreffen auch die Bullenhaie.
Gefahr für den Bullenhai in Nicaragua
Ein Beispiel für einen solchen Eingriff ist der geplante Bau eines Kanals in Nicaragua, der den pazifischen Ozean mit dem atlantischen Ozean verbinden soll. 2013 bewilligte die Regierung Nicaraguas einen Plan, der vorsah, den Kanal durch den Nicaragua-See zu leiten. Das Vorhaben wurde stark kritisiert – die Kanallegung würde das Ökosystem des Nicaragua-Sees so verändern, dass die Population von Bullenhaien darunter leiden könnte. Zudem würden 400.000 Hektar Regenwald und Feuchtgebiete zerstört werden. In diesem Fall hatte der Bullenhai allerdings Glück, denn die Pläne wurden bis heute nicht umgesetzt.
Der Bullenhai und der Klimawandel
Der Bullenhai ist ein resilientes Tier – das gilt auch für seine Bewältigung der Auswirkungen des Klimawandels. Auf steigende Wassertemperaturen reagiert er mit Umsiedelungen in etwas kühlere Regionen. So wandern sie in Küstenregionen, wo früher kaum Bullenhaie vertreten waren. Jungtieren bleiben jetzt länger in den Flußdeltas, bevor sie in wärmer Regionen abwandern. Schon jetzt überleben viele Bullenhaie auch im Winter in Regionen, in denen sie zuvor nicht überlebt hätten. Es lässt sich inzwischen vermuten, dass die Tiere in manchen Regionen künftig das ganze Jahr bleiben werden. Mit allen Problemen, die sich daraus für Mensch und Tier ergeben.
Die Grenzen des Anpassungsvermögens
Das bedeutet nicht, dass der Bullenhai sicher vor negativen Auswirkungen des Klimawandels ist. Auch wenn die aktuellen Temperatursteigerungen größtenteils ausgehalten werden, ist es unklar, ob jede Bullenhai-Population weitere Anstiege aushalten kann, denn nicht für alle gibt es Ausweichraum. Ebenfalls könnte es zu Nahrungsmangel kommen, wenn der Bullenhai alljährig im selben Gewässer schwimmt. Am Ende bleibt auch der Bullenhai eine gefährdete Tierart.
Gecheckt? – Die Bullenhaie auf einen Blick!
- Der Bullenhai kann in Salzwasser und Süßwasser überleben.
- Man kann ihn in tropischen und subtropischen Gebieten auch in Seen und Flüssen finden.
- Seine Jungen werden in Brackwasser geboren, wo sie geschützt von Salzwasser-Raubtieren aufwachsen können.
- Der Bullenhai gehört zu den drei gefährlichsten Haiarten.
- Da er sich oft in menschennahen Gewässern aufhält, ist er menschengemachten Umweltveränderungen besonders oft ausgesetzt.
- Auch wenn er es bis jetzt gut schafft, sich an die Auswirkungen des Klimawandels anzupassen, könnten die Veränderungen langfristig zu Problemen führen.
Bildnachweise: ©Christian Vizl via Wildscreen Exchange (Bullenhai im Steckbrief), Graham McMartin via iNaturalist (Einzelner Bullenhai zwischen Fischen), Robert Taylor via iNaturalist (Rückenflossen mehrerer Bullenhaie), jsbdives via iNaturalist (zwei Bullenhaie), CK Seng via Pexels (Golfplatz), Albert Kang via iNaturalist (Bullenhai-Zähne), Balázs Gábor via Pexels (Surfer im Meer), davidthewhale via iNaturalist (Mehrere Bullenhaie Unterwasser).